23.11.2014

Aufgabe

Hallo Alexej

Ich weiss es ist lange her, seit ich dir das letzte Mal geschrieben haben. Nun du weisst, du bist immer bei mir auch ohne Worte. Ich hoffe dort wo du jetzt bist wird es nicht Winter, ich hoffe es ist schön Frühlingswarm und die Blumen blühen. Wenn ich nach draussen schaue und an dich denke, kommt mir der kalte Rauch deiner Zigaretten in den Sinn. Ich sehe dich vor mir, die Hände in den Taschen und trotz einer dicken Daunenjacke immer leicht verfroren. Viele Winter gab es an denen ich nicht ohne Angst daran dachte, wo du nun wieder frieren würdest. Wo ich nicht wusste, ob du deine Jacke trägst oder sie wieder irgendwo verloren hast. Kalte Nächte in denen ich wach lag und inständig hoffte, du hättest einen warmen Platz gefunden. Darum möchte ich dich jetzt nur Frühlingswarm sehen und daran glauben, dass du nie mehr frierst.
Seit deinem Tod habe ich nie mehr ein Fotoalbum von früher angesehen. Ich ertrug und ertrage die Bilder nicht. Weisst du noch, immer hingen in unserem zu Hause viele Bilder von dir und deinem Bruder. Geburtstags-, Ausflugs-, oder einfach Alltagsbilder. Schon seit einigen Jahren hat sich das geändert. Weil ich es nicht ertrug, weil es zu sehr schmerzte und weil ich dich so vermisste. Nun seit einigen Wochen kommen diese Bilder immer wieder zum Vorschein. In meinem Kopf, die Türe hinter der ich sie weggeschlossen habe ist brüchig geworden. Du als Baby in deinem blauen Clownskostüm zum Beispiel. Ich weiss nicht wie ich das ertragen soll, ich kann diese Alben nicht ansehen und dennoch sind die Bilder da. Ich weiss es ist Zeit die Türe zu öffnen und den Weg zu gehen. Ich schaffe nur Schritt um Schritt, langsam und in meinem Tempo. Der erste ist nun gemacht, es gibt kein zurück.
In Liebe
Mam


Kommentare:

  1. Ich hatte vor kurzem aufeinmal ein Foto in der Hand, es fiel aus einem Buch. Das letzte Sylvester mit meinem Bruder. Schock ... und dann Tränen, Tränen, Tränen ...
    Nun kann ich das Bild immerwieder anschauen. Ja, schon mit grosser Traurigkeit. Mit nicht-verstehen. Mit Sehnsucht nach dem was war. Aber ich rede auch mit ihm. "Hey, weisst Du noch, da hast Du ständig geraucht, und ich mochte das nicht!" Und dann kommen Gedanken, ob er da wo er nun ist auch raucht. Und ich sag mir selber: "das ist ein doofer Gedanke!" und dabei spür ich, dass ich ihn im Herzen habe, und das ist wieder schön!
    Mein Daniel und Dein Sohn sind sich so ähnlich. Manchmal wenn Du erzählst seh ich meinen Grossen vor mir, der auch ständig in solche Situationen gerät. Ihm geht es zur Zeit wieder nicht gut. Psychosen, und noch mehr. Es war schon so klar doch nun ist sein Geist wieder ganz woanders ... Sein Lebenswille ist wieder klein geworden.
    So schwer ....
    liebe Grüsse
    das Bild von Deinem Sohn ist sehr schön und berührend.
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Elisabeth
      wie immer findest du die richtigen Worte. Ich staune immer wieder wie gross auch dein Päcklein ist, welches du zu tragen hast. Ich weiss sehr gut, wie schwer es ist sein Kind nicht mehr zu kennen und die Hilflosigkeit ertragen zu müssen, wie die Traurigkeit es überfällt.
      Ich wünsche dir und deinen Lieben viel Kraft.
      Liebe Grüsse
      Margot

      Löschen
  2. Ich freue mich, wenn du sie hier zeigst, die Fotos.
    Als Luca verschwunden war, habe ich sämtliche Fotos, die ich von ihm hatte, in aller Eile zweimal gespeichert, auch noch außerhalb des PC, damit nicht sie auch noch abhanden kämen. Manchmal konnte ich sie sehen, oft nicht. Jetzt ist er älter, über zwei Jahre sah ich ihn nicht. Er sieht jetzt anders aus. Ich suche sein Bild in mir.

    AntwortenLöschen